Selbstverwaltung der Wirtschaft

Am 18. September 1831 unterschrieb der preußische König Friedrich Wilhelm III. das Statut für die Handelskammer Duisburg. Damit waren Bestrebungen der Duisburger Kaufleute erfolgreich, die eine Handelskammer zur Vertretung ihrer Interessen einrichten wollten. Sie konnten sich auf eine Gründung in Elberfeld-Barmen berufen, die im Jahr zuvor das Kammerwesen erneuerte und erstmals die demokratische Wahl des Präsidenten aus der Mitte der Mitglieder vorsah.


Die Kaufleute ließen sich seinerzeit von der Idee leiten, ihre Interessen selbstständig gegenüber der Politik zu vertreten und die originären Anliegen der Wirtschaft in Eigenregie zu regeln. Das Modell der Selbstverwaltung der Wirtschaft war geboren – ein modernes Modell, das heute angesichts der dringend notwendigen Entbürokratisierung notwendiger ist denn je!

Im bis 1815 zu Frankreich gehörenden Rheinland bestanden seit 1803 von Napoleon errichtete Handelskammern als staatliche Einrichtungen. Auch in Wesel sollte 1813 eine „Chambre de commerce“ gegründet werden. Dies wurde aber durch die Freiheitskriege verhindert. Wenige Wochen vor Gründung in Duisburg war bereits die Düsseldorfer Kaufmannschaft den Geschäftsleuten aus dem bergischen Land mit ihrer Premiere in Elberfeld-Barmen gefolgt. Die Unternehmer gründeten die neuen Kammern als ihre Interessensvertretung, die alle Gewerbetreibenden ihres Bezirks beteiligte.


Die Selbstverwaltung
gab den frühen Kammern das Recht der freien Äußerungen zu Gesetzesvorhaben und zu wirtschaftlichen Angelegenheiten. Man wartete nicht mehr auf staatliche Aufforderung, sondern wurde selbst aktiv. Weitere Kammern folgten, wobei der Westen Preußens Vorreiter war. Dies hing auch mit der fortschreitenden Industrialisierung zusammen, die - von Westeuropa kommend - das Ruhrgebiet erreichte.


1838 wurde die Handelskammer Wesel gegründet. Dieser Standort war geprägt von der Bindegliedfunktion zwischen Rheinland, Westfalen und den Niederlanden. 1877 kamen der Kreis Rees und das westliche Münsterland zu dieser Handelskammer.

Ruhrort erhielt relativ spät eine Kammer, obwohl der Ort und die umliegenden Gemeinden zum Kerngebiet der industriellen Entwicklung im 19. Jahrhundert gehörten. Erst 1897 bewerkstelligten die Unternehmer von Ruhrort, Meiderich, Hamborn, Dinslaken, Sterkrade, Homberg und Rheinhausen den Zusammenschluss. Diese Handelskammer vereinigte sich 1906 nach vorangegangener Kommunalreform mit der in Duisburg. Die Mehrzahl der Vollversammlungsmitglieder der neuen Handelskammer kam aus Ruhrort, wohin auch der Sitz verlegt wurde.


1919 fusionierte die Kammer mit der in Wesel. Zwar musste die neue Industrie- und Handelskammer – so der 1924 reichsweit eingeführte Name – bei der großen Kommunalreform Sterkrade an die IHK Essen abgeben. Aber sie gewann im Gegenzug die ehemaligen selbstständigen Gemeinden Huckingen und Großenbaum aus dem Landkreis Düsseldorf hinzu. Bereits das preußische Handelskammergesetz von 1870 hatte den Kammern die Vertretung der gesamten gewerblichen Wirtschaft ihrer Region übertragen. Mit einer 17 Jahre später erlassenen Novelle wurden die IHKs zu Körperschaften des öffentlichen Rechts. 1956 wurde das Recht der IHKs bundeseinheitlich festgeschrieben.


Im 19. Jahrhundert stand der Verkehr – insbesondere die Binnenschifffahrt und die Eisenbahn - im Mittelpunkt der Kammerarbeit. Mit Begin des 20. Jahrhunderts widmete sich die IHK intensiv der Förderung der Bildung in der Wirtschaft durch die Gründung von Fortbildungsschulen. In der Weimarer Republik kam die Außenwirtschaft hinzu – auch durch die exponierte Lage im Westen des Landes.

Zweimal wurden die Kammern im Lauf ihrer Entwicklung zu verlängerten Armen des Staates umgewandelt. Im Ersten Weltkrieg war die IHK stark in die Verwaltung der Kriegswirtschaft eingebunden. Nach einer Selbstverwaltungsrenaissance in den 1920er Jahren verloren die IHKs in der NS-Zeit durch die Einführung des „Führerprinzips“ ihren ursprünglichen Charakter. Seit 1933 hatte das NS-Regime die „Gleichschaltung“ der IHKs umgesetzt: Jüdische Vollversammlungsmitglieder wurden aus der IHK verdrängt. Auch bei der Verfolgung der Juden wurden den IHKs administrative Aufgaben, wie die Erhebung „nichtarischer Betriebe“, übertragen, die sie zu einem Rad in der Maschinerie der Diktatur machten. 1943 wurden die IHKs aufgelöst: Für den Bezirk war nun ab 1944 die Gauwirtschaftskammer Essen zuständig, die eng mit den NSDAP-Organen zusammen arbeiten sollte.


Nach dem Krieg animierten die amerikanischen Besatzungstruppen die deutschen Unternehmer zur Wiedererrichtung der IHK, da sie deren Verwaltungskenntnisse schätzten. Am 1. Juni 1945 nahm die IHK wieder ihre Geschäfte auf – sie musste sich im Wiederaufbau um zahlreiche Problemlösungen sorgen, die der Wirtschaft ihres Bezirks halfen. Dabei war die Demontage und Entflechtung der Montanindustrie nur ein - wenn auch besonders bedeutsames - Thema. Eine besondere Sorge galt der Rheinschifffahrt, deren Flotte im Krieg fast zu einem Fünftel zerstört und zum einem großen Teil beschädigt worden war.


Bereits nach einem Jahrzehnt war der Aufbau der Wirtschaft geschafft: Die IHK war daran in vielfältiger Weise beteiligt. Mit der Verabschiedung des Berufsbildungsgesetzes 1969 wurde der IHK die bisher als freiwillige Leistung erbrachte Berufsausbildung als Pflichtaufgabe übertragen.


Der heutige IHK-Bezirk kam 1977 zustande, als in der Folge der zwei Jahre zuvor in NRW durchgeführten Kommunalreform die Grenzen der wirtschaftlichen Selbstverwaltungsorganisationen angepasst werden mussten. Der Kreis Kleve, der seit 1897 zur IHK Krefeld gehört hatte, kam nun zur neuen Niederrheinischen Industrie- und Handelskammer Duisburg-Wesel-Kleve, so dass gemeinsam mit der Stadt Duisburg und dem Kreis Wesel ein Wirtschaftsbezirk links und rechts des Rheins entstand. Dieser Wirtschaftsraum konnte auf historische Vorbilder aufbauen. So hatte der 1816 gegründete Regierungsbezirk Kleve bis zu seiner Fusion mit dem Düsseldorfer Regierungsbezirk 1822 fast genau die gleichen Grenzen wie das heutige Gebiet der IHK. Der IHK-Bezirk in seiner jetzigen Form bildet die Klammer zwischen Westfalen, dem Ruhrgebiet, dem Rheinland und den Niederlanden.


Neuen Unternehmen eine Chance geben – Innovationen und Investitionen im Bezirk anregen. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit Stadtmarketingkonzepten für die Duisburger Innenstadt. Zudem sucht man die enge Kooperation mit den Schwesterkammern im Ruhrgebiet, um sich gemeinsam den Anforderungen der Zukunft zu stellen. Vor diesem Hintergrund entwickelte die Niederrheinische Industrie- und Handelskammer gemeinsam mit den Gebietskörperschaften unter der Überschrift ZiKoN - Zukunftsinitiative Kompetenzregion NiederRhein - eine Perspektive für die regionale Entwicklung. Eine Analyse weist der Region im Vergleich zu anderen Wirtschaftsstandorten vor allem deren Stärken auf und empfiehlt deren vernetzten Ausbau.

Dies zeigt einmal mehr, dass die Niederrheinische IHK als Organ der wirtschaftlichen Selbstverwaltung für ihre Unternehmen und als Ansprechpartner der öffentlichen Hand für die Belange der Wirtschaft zum Wohl der Region tätig ist – und dies mit der Erfahrung von über 175 Jahren.